Eine nicht ganz perfekte Geschichte…

Hallo ihr Lieben!

Wer oder was hat uns eigentlich alle zu dem Lebensstil gebracht, den wir aktuell leben, bei Instagram auf hübschen Bildern ausdrücken und so mit anderen teilen? Jeder von uns wird seine eigene Geschichte und seine persönlichen Gründe haben. Vielleicht seid ihr von Kindheit an Bewegung und gesunde Ernährung gewohnt und es ist ein ganz automatischer Gang für euch. Vielleicht habt ihr euch Wissen über eine gesunde Ernährung und Training angeeignet weil ihr zu- oder abnehmen wolltet oder andere Ziele fokussiert habt.

Heute möchte ich euch meine ganz persönliche Geschichte erzählen, warum ich angefangen habe mich mit Ernährung und Sport auseinanderzusetzen, wann das Ganze ins Wanken und ins Extreme geriet und vor allem wie ich aus der Essstörung herausgefunden habe.

Fangen wir ganz vorne an: schon als Kind war ich recht moppelig. Trotz viel sportlicher Aktivität in verschiedenen Vereinen schien das Essen immer Überhand zu haben. Bewusst wurde mir das eigentlich ab der weiterführenden Schule. Bis dahin hatte ich einfach das Gefühl nichts ändern zu können, ich war eben „kräftiger gebaut“ wie es oft so schön hieß. Mit ca. 15 Jahren habe ich das Thema Abnehmen und Diät das erste Mal in Angriff genommen. Ich weiß noch wie ich das erste Mal im Supermarkt stand und mir die Nährwerttabellen der Produkte angeschaut habe und meinen Wagen mit 0%Fett und light Produkten gefüllt habe. Zudem habe ich angefangen laufen zu gehen, am Anfang eher kurze Distanzen aber dafür umso regelmäßiger. Und siehe da, über die Sommerferien habe ich rapide abgenommen. Ich kann mich noch genau an die Reaktion meiner Klassenkameraden erinnern als die Schule wieder begonnen hatte und ich stolz mein erstes Sommerkleid in Größe 34/36 tragen konnte.

Tja, und genau an diesem Punkt hat sich wohl ein Schalter umgelegt. Genau da habe ich die Wertschätzung meiner Person mit meinem Gewicht gekoppelt. Auf einmal bekam ich Aufmerksamkeit, Komplimente und wurde eingeladen. Ganz schnell hatte sich so das Bild „nur dünn bist du etwas Wert, je dünner desto besser und bloß nie wieder mehr wiegen“ gefestigt. Und ganz schnell wollte ich noch mehr abnehmen….“nur noch 1kg weniger, dann kann ich auch mit Pizza essen gehen. Vielleicht lieber noch 1kg, dann ist der Puffer größer falls ich von der Pizza viel zunehme.“ So ging es dann weiter und weiter…

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Am Ende war ich bei 46kg angekommen und hielt dieses Gewicht erstmal monatelang. Nebenbei beschäftigte ich mich so gut wie nur noch mit Diät-Onlineforen und habe Nährwerte von Lebensmitteln nachgelesen, kalorienarme Rezepte gegooglt und mehr über Nährstoffe lernen wollen. Weiter abwärts ging es dann relativ schleichend. Ich war mittlerweile in der 11. Klasse und neben Schule war nur noch mein Äußeres bzw. mein Gewicht für mich Thema. Ich habe Nahrung nur noch zu mir genommen, die ich selber gekauft und zubereitet hatte, ihr könnt euch vorstellen, dass ein gemeinsames Familienessen so nicht möglich war. Trotzdem habe ich mich nie als essgestört oder gar magersüchtig wahrgenommen, ich habe ja schließlich gegessen. Viel zu wenig und viel zu energiearm, aber meiner Meinung nach bedeutete „magersüchtig sein“damals nur 1 Apfel am Tag zu essen und dem entsprach ich ja schließlich nicht.

Ich endete schlussendlich bei 36kg, war 18 Jahre alt und es ging einfach nichts mehr. Zu dem Zeitpunkt befand ich mich bereits in ambulanter Therapie, die mir aber schlussendlich nicht mehr helfen konnte. Somit entschlossen sich meine Therapeutin, meine Eltern und auch ich mich für einen stationären Aufenthalt in einer Fachklinik. Einen Platz bekam ich in Hessen, somit weit weg von zu Hause, was ich vorweg als positiv empfand. Mit dem ersten Schritt in die Klinik und dem ersten Gespräch mit meinem verantwortlichen Therapeuten bereute ich allerdings sehr schnell wieder. Er prophezeite mir dass ich bei meinem damaligen BMI mind. 4 Monate in der Klinik bleiben müsste, davon die erste Zeit keinen Besuch empfangen dürfte um mich auf mich konzentrieren zu können und bei weiterem Gewichtsverlust drohte ein Krankenhausaufenthalt. Ich wollte nur noch dass ich wieder mit nach Hause genommen werde. Natürlich ging das nicht so einfach wie ich dachte und somit blieb ich dort. Natürlich nicht ohne erstmal großes Drama zu veranstalten.

Bei der ersten körperlichen Untersuchung wurde ein bereits verminderter Herzschlag diagnostiziert, ich hatte Knochenschmerzen, keine Kraft und sah ohnehin aus wie der Tod selbst. Die darauffolgenden Wochen waren definitiv ein Auf und Ab. Die Regeln waren streng und im Nachhinein betrachtet empfinde ich das Vorgehen als ziemlich grenzwertig. Zu Beginn der Behandlung musste ich einen Vertrag unterschreiben mit dem Inhalt: jeden Tag mind. 100g zunehmen. Wurden diese 100g nicht erreicht war ein „Zimmertag“ = Hausarrest bzw. wohl eher Zimmerarrest Konsequenz. Mal abgesehen von natürlichen Gewichtsschwankungen empfand ich diesen Zwang immer als belastend. Versteht mich nicht falsch, ich war mir bewusst dass ich zunehmen musste aber trotz vorgegebenem Essen hatte ich an diversen Tagen auch mal 100g, 200g oder sogar 500g weniger und musste somit den Tag auf dem Zimmer verbringen. Letzten Endes wurden es wie mein Bezugstherapeut schon vorhergesagt hat 4 Monate Klinikaufenthalt….4 Monate mit anderen Menschen in meinem Alter mit den unterschiedlichsten Problemen. Manche hinderten sich selbst und vielleicht auch mich selber an Fortschritten, manche wurden enge Verbündete in der Zeit gegen die Krankheit.

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Entlassen wurde ich mit 48kg, relativ stabil und froh wieder nach Hause zu kommen. Natürlich war ich nicht urplötzlich frei von Gedanken ums Essen und die ersten Wochen zu Hause musste ich mich mit meiner Familie und meinem Essverhalten auch erstmal einspielen. Und natürlich gab es immer mal wieder Rückschläge. Hier jetzt noch meine aktuelle Sport-und Ernährungsroutine zu beschreiben würde wahrscheinlich den Rahmen sprengen, was ich aber gerne in einem weiteren Blogpost thematisieren kann.

Nur soviel: mittlerweile bin ich an einem Punkt angekommen an dem mir meine Gedanken zwar manchmal noch Streiche spielen aber ich auch mithilfe meines Freundes (danke an dieser Stelle für deine Geduld, dein Wissen und deine Unterstützung) ein ausgeglichenes und glückliches Leben führe. Ich liebe es essen zu gehen, zu kochen und allgemein den Umgang mit Essen. Genauso gehört für mich ein gut strukturiertes Training zum Alltag dazu. Dementsprechend halte ich allerdings (für mich persönlich) jegliche Ernährungspläne, das Tracken von Nährstoffen oder ähnliches für nicht sinnvoll und vermeide dies im Alltag komplett. Natürlich achte ich auf eine ausgewogene und nährstoffreiche Ernährung aber versuche jeglichen Zwang/Druck/Einschränkung zu vermeiden. Meiner Meinung nach reicht es ein gesundes Grundwissen über Ernährung und Nährstoffe im Speziellen zu haben um einen gesunden und für sich attraktiven Körper zu haben bzw. zu „gestalten“.

Gerade in Zeiten von Instagram und Social Media lässt man sich leicht verleiten und von klugem Marketing und Photoshop blenden. Ich für meinen Teil habe allerdings verstanden, dass ich keine Maschine bin, keinem Rechenschaft schuldig bin außer mir und ich mich niemals wieder so klein machen möchte und mir soviel Lebensqualität nehmen werde wie damals. Sucht euch Vorbilder die euch motivieren aber nicht unter Druck setzen! Und wenn ihr ernsthaft Hilfe oder Unterstützung braucht dann vielleicht am ehesten außerhalb des Internets! Eure Gesundheit und euer Leben findet außerhalb von Instagram statt, also nehmt euch Zeit dafür!

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Das soll es jetzt aber erstmal gewesen sein! Ich danke euch fürs Lesen und bin natürlich wie immer für Rückmeldungen und Fragen jeder Art offen!

Einen schönen dritten Advent euch!

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Petra sagt:

    Guten Morgen Jule,

    ich bin im letzten Jahr ebenfalls in eine Anorexie reingerutscht, wenn auch nicht so extrem (wie mir scheint) sprich, ich sehe mein Problem durchaus an, möchte ja wieder mein „altes“ Gewicht (mit dem ich mich eigentlich sehr wohl gefühlt habe) wieder erreichen und eben auch wieder den Spaß an Essen und Genuss finden. Den ich definitiv hatte und so gerne wieder haben möchte. Aber in meinem Kopf macht sich ständig die Panik breit unfassbar „fett“ zu werden usw.
    Kannst Du vielleicht (auch gerne per Mail) nochmal erläutern, wie Du diese Angst vorm zunehmen, vor mehr essen, vor gehaltvollerem Essen usw. wieder erlangt hast?
    Oder mal beispielhaft aufzeigen was Du so den Tag über ist, auch im Vergleich zum Sport usw.
    Nicht als Vergleich, sondern als Anhaltspunkt. Ich vermute nämlich, dass ich grundsätzlich immer noch zu wenig esse, aber mit Kalorienzählen möchte ich nicht anfangen, da achte ich schon viel zu sehr drauf als mir das recht ist…ach ist das alles kompliziert.
    Einerseits will ich absolut, andererseits hab ich einfach Angst davor dick zu werden (was so Quatsch ist, ich weiß das ja eigentlich selbst)

    Ich hoffe, dass war jetzt alles nicht zu wirr und Du findest vielleicht die Zeit mir drauf zu antworten

    Liebe Grüße

    Petra

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    1. julestz sagt:

      Liebe Petra! Erstmal
      Vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Gerne kann ich dir per Mail ausführlich antworten, magst du mir deine Emailadresse geben? Lieben Gruß und schönen Start ins Wochenende

      Gefällt mir

      1. Petra sagt:

        Guten Morgen Jule, lieben Dank für die Antwort! Meine Emailadresse lautet fluppdiwupp@arcor.de

        Ich freu mich schon auf deine Antwort und schon mal Danke für die Mühe. Es eilt auch nicht, Du hast ja wahrscheinlich mit Studium, Arbeit etc. noch genug Dinge zu erledigen 🙂

        Liebe Grüße und ebenfalls ein schönes Wochenende

        Petra

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  2. Nicole sagt:

    Liebe Jule,
    ich habe durch Zufall deinen Account die letzten Tage bei Instagram entdeckt und bin so auf deinen Blog gekommen und somit auch zu deiner Geschichte. Ich selbst lebe seit über einem Jahr mit meiner Essstörung und befinde mich seit Mai in Therapie. Ich dachte anfangs auch nicht, dass ich essgestört sei, denn ich habe ja gegessen, nur halt sehr kleine Mengen und manche Lebensmittel einfach ausgelassen. Und dann stand ich auf einmal im Mai da und habe gemerkt, wie sehr ich den Spaß und die Freiheit am Leben verloren habe und wie sehr die Zahl auf der Waage, mein Gewicht, die 100 Gramm mehr als am Vortag, das Essen, etc meinen Alltag bestimmt hat. Mein schlimmstes Gewicht habe ich mit 41 kg erreicht und selbst da habe ich einfach nicht gesehen, wie ich aussehe, was ich da eigentlich mit meinem Körper angestellt habe.

    Die Therapie hilft mir sehr dabei. Es gibt gute Tage, an denen ich die essgestörte Stimme in meinem Kopf ausschalten kann und es gibt schlechte Tage, da schreit diese Stimmte ganz laut. Es ist also ein Auf und Ab, aber das kennst du sicherlich auch sehr gut.
    Insgesamt läuft es aber sehr gut, nach dem ich im Oktober meine Therapie nochmals erweitert habe.

    Hast du Tipps für mich, die die dir evtl. geholfen haben? Sei es die Zunahme zu akzeptieren oder den neuen Körper? Und wie bist du mit dem mehr Essen umgegangen? Und hattest du auch einen enormen Bewegungsdrang? Das ist leider das Einzige, was ich noch nicht in den Griff bekommen habe…den Bewegungsdrang. 20.000 Schritte ist das Minimum bei mir und selbst bei schüttendem Regen quäle ich mich vor die Tür. Leider konnte mir hier die Therapie noch nicht helfen, dafür aber in vielen anderen Bereichen. Kanntest du das auch?

    Ich würde mich unglaublich freuen von dir zu hören, auch wenn dein Blogpost mit deiner Geschichte etwas länger her ist.

    Ganz liebe Grüße,
    Nicole

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